Kolumne: Die Folgen von Schlafentzug – oder das Gefühl als Mutter zu versagen

Kolumne: Die Folgen von Schlafentzug – oder das Gefühl als Mutter zu versagen

“Schrei’ meine Tochter nicht an!!!!”, brüllte Flori vor ein paar Tagen mitten in der Nacht. Eine Sekunde vorher hatte ich unser gemeinsames Kind angeherrscht, es solle endlich meine Haare loslassen und verdammt nochmal schlafen.

Bei Flori stehe ich jetzt unter Beobachtung, denn er hat Angst um sein Kind.

Seitdem unsere Tochter auf der Welt ist, wünsche ich mir sehnlichst, dass sie durchpennt. „Mal sehen, wie diese Nacht wird“, sagen wir jedes Mal vor dem Schlafengehen. Es ist ein Running Gag, der lustig wäre, wenn es nicht so anstrengend wäre. Denn während andere Eltern begeistert von ihrem elf Wochen alten Säugling berichten, der zwischen 7 und 10 Stunden pro Nacht schlummert, sitzt bei uns Hui Buh das Nachtgespenst auf der Bettkante, sortiert seine Bilderbücher oder will „Hoppe, hoppe Reiter“ spielen.

Wenn Baby Peng müde ist, kämmt sie mit ihren kleinen Grabschhänden meine Haare oder zieht energisch daran. Man könnte auch sagen: Sie reißt. Es tut nicht nur weh, sondern ist nach einiger Zeit nervtötend, vor allem dann, wenn man selber unbedingt gerne schlafen möchte, weil man wie bereits erwähnt seit 1,5 Jahren nicht eine einzige Nacht durchgeschlafen hat – im Gegensatz zum Vater, der egal was war, sofort wieder einratzt.

Seit 1,5 Jahren wandere ich deshalb mit Baby Peng durch die Räume, erst in der alten Wohnung in Berlin, jetzt in der Villa Peng. Wir haben alle Rituale durch. Ich bade sie, öle sie ein, lese ihr vor, gebe ihr Milch, singe, wippe, tanze Walzer, summe “Om”, küsse, streichele und umarme sie. Wenn Papa da ist, schläft sie in ihrem eigenen Zimmer ein, aber nach zwei bis drei Stunden wacht sie auf und will zu mir. „Mama, Maamaa, Maaamaaaaaa“, schallt es durch’s Haus. Flori hat keine Chance sie alleine zu beruhigen. Er versucht es, aber sie brüllt solange, bis sie kotzt.

Wenn sie bei mir ist, hört sie sofort auf zu weinen, dafür kämmt sie dann meine Haare. Sie schläft wieder kurz ein, maximal für zwei Stunden. Dann wälzt sie sich hin und her, tritt um sich, knurrt, weint, klettert auf mich drauf und wieder runter. Ich weiß nicht, warum sie das macht. Bauchweh, Zähne, Wachstumsschub – wir glauben mittlerweile nicht mehr nur an eine „Phase“. Dieses Kind schläft einfach schlecht.

Während sie aber ihr Defizit tagsüber in der Kita aufholen kann (da pennt sie ohne Probleme – was mache ich bloß falsch???), muss ich arbeiten, putzen und einkaufen. Ich trinke fünf bis sieben Tassen Kaffee am Tag, damit ich nicht zwischendurch vom Stuhl falle. Alkohol trinke ich seit meiner Stoffwechselkur nur noch wenig, aber ich habe auch aufgehört, weil ich Angst habe, dass sie nachts weint und ich zu besoffen bin, um richtig zu reagieren.

Dauerhafter methodischer Schlafentzug ist eine Methode der Folter und führt u.a. zu Denkstörungen, Halluzinationen und Reizbarkeit – das habe ich alles. Es entschuldigt nicht, dass ich mein Kind anbrülle. Aber kann trotzdem mal bitte jemand anerkennen, dass ich mich sowohl körperlich als auch mental in einem Stadium zwischen Muttertier und Zombie befinde?!

Ich muss gestehen: Es war nicht das erste Mal, dass ich Baby Peng zur Sau gemacht habe. Danach war ich selbst total geschockt. “Himmel hilf, wie konnte das nur passieren?”, fragte ich mich angesichts meiner mit Tränen überströmten Tochter. Ich fühlte ich mich wie die schlechteste Mutter der Welt und hatte das Gefühl, total versagt zu haben. Denn ich liebe meine Tochter über alles und allein bei dem Gedanken daran, dass ihr etwas passieren könnte, bleibt mir die Luft weg. Trotzdem schnauze ich sie an, wenn sie mich nachts wie ein Pony striegelt.

Der einzige Mensch, der mich und meine Ausraster versteht, ist meine Mutter. Sie haut volle Salatschüsseln an die Wand und wischt danach heulend den Boden. Deshalb war sie die Einzige, mit der ich offen darüber reden konnte, dass ich Baby Peng angebrüllt habe. Sie sagte etwas Wichtiges: “Du musst immer daran denken, dass sie noch so klein ist.” Ich musste sofort anfangen zu schluchzen.

18 Monaten alt: Baby Peng weiß nichts von dieser Welt, kennt keinen Trump oder Putin, ist nicht getrieben von ihrem Ego, Geld oder Macht. Sie ist reinen Herzens und unschuldig wie ein Kälbchen auf der Wiese, das seine Mama auf keinen Fall ärgern, sondern ganz nah bei sich haben will.

Dieses Bild versuche ich mir jetzt immer wieder vor Augen zu führen. Auch wenn ich wegen der Haar-Nummer ausrasten könnte: Ich muss lernen, es auszuhalten und Baby Peng in den schlaflosen Momenten, die Sicherheit zu geben, die sie einschlummern lässt. Dafür bin ich da. Dafür bin ich ihre Mama.

Seitdem schiebe ich jetzt immer ihre kleine Hand weg, wenn sie an meinen Haaren reißt. Ich rede sanft mit ihr und bitte sie freundlich, mich bitte nicht zu skalpieren, weil ich sonst ihr Taschengeld für eine Perücke einziehen muss. Das Spiel geht manchmal 20-30 Minuten, aber so ist es halt.

Irgendwann rücke ich mir ein großes Kissen zurecht, setze mich aufrecht ins Bett, lege sie auf meine Brust und streichele ihren kleinen Rücken. Langsam, langsam, langsam schläft sie dann ein und ich kann sie neben mich auf die Matratze legen und zudecken.

Dann liegen wir unter einer Decke, sie schnarcht leise und ich kann wieder nicht schlafen. Dieses Mal ist es vor Glück.

(Foto: Sandra Semburg)

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