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Reinstoff

Meine letzte Restaurant-Kritik ist eine Weile her (mehr unter Food), was wohl daran liegt, dass ich während der Schwangerschaft nur Leberwurstbrote und Tomatensalat mit viel Essig essen wollte.

Ein Essen in einem Sterne-Restaurant stand bislang nicht auf meiner To-do-Liste, auch wenn ich begeisterter Fan der Netflix-Serie “Chef’s Table” bin. Aber ich hatte jede Menge Vorurteile gegenüber derart feinen Lokalen: Sterneküche ist sauteuer, man muss Monate im Voraus einen Tisch reservieren, um dann Sachen wie Zanderkopf, Kalbsbries oder Schwaneneier serviert zu bekommen.

Das Restaurant Reinstoff in den Berliner Edison Höfen hat sogar zwei Michelin-Sterne, aber macht es seinen Gästen einfach sich der gehobenen Küche zu nähern: Das Lunchangebot bietet freitags und samstags zwischen 12 und 13.30 Uhr ein 3- oder 5-Gänge-Menü ab 50 Euro. Wir haben es ausprobiert – mit Baby im Schlepptau!

Ich dachte eigentlich, dass man mit Kinderwagen aus so einem Laden direkt wieder rausgeschmissen wird. Nicht aber im Reinstoff: Wir bekamen, wie ich fand, mit den besten Platz und genossen einen super netten Service, u.a. von Restaurant-Chefin Maria. Zum Essen: Sterneküche ist Weiterbildung. Man geht nicht in ein solches Lokal, um sich wie beim Lieblingsitaliener den Bauch mit Pizza Tonno vollzuschlagen.

Das Essen im Reinstoff ging schnell los: Verschiedene Tapas (siehe Header) wurden gereicht, u.a. ein Krustentier-Gelee, Heringshäppchen und irgendetwas Luftiges mit Tomate und Liebstöckl.

Dann kam der Hammer bzw. die für mich bislang härteste Lektion in Sachen kulinarische Weiterbildung: “Eis-Cocktail von knuspriger Schweinehaut, Räucheraal Marinade und Essigkirschen”. In meinen Worten gesagt: Schweine-Eis. Ich konnte es nicht aufessen, es war zu krass, denn mein Hirn hat die Kombination “Herzhaft+Eiskalt” einfach nicht zusammenbekommen. Florian war von diesem Gang total geflasht und als gelernten Koch konnte ich mir für diesen Restaurantbesuch keine bessere Begleitung als ihn und seine Offenheit und Weitsicht wünschen.

Beim Reinstoff geht es immer um eine Zutat, einen Stoff also, den Koch Daniel Achilles auf den Teller bringt. Mir fehlt es an den wortgewandten Geschmacksanalysen einer Gastro-Kritikerin (oder TripAdvisor-Lesers) und ich hoffe, dass ich seiner Arbeit damit gerecht werde, wenn ich schreibe, dass ich immer nur sagen, ob ich etwas lecker oder nicht lecker finde.

Fazit: Mein Favorit war der Pulpo, 8 Stunden Sous-vide (im Wasserbad) geart und all die feinen, süßsauren Radieschen dazu. Auch die Ente war richtig gut, vor allem die knusprige Haut. Das schreibe ich als ehemalige Hardcore-Vegetarierin!

Das Reinstoff Lunch-Menü in der Übersicht:

Eis-Cocktail von knuspriger Schweinehaut, Räucheraal-Marinade und Essigkirschen

Schöner Pulpo Algen, marinierte Radieschen, Rettich und Eiszapfen

Nantaiser Ente Zigeuner Art gebratene Brust, Croustillant von der Keule, rote Paprika und Fenchel

Ziegenkäse Sommerselektion & Weinbergpfirsich
Leitzachtaler Frischkäse, Selles-sur-Cher, Picodon und Mothais

Richtig toll waren auch das Brot von einem freien Bäcker und die Weinbegleitung. Wegen dem Stillen konnte ich nun wirklich immer nur an den Gläsern nippen, aber die Sommelier hat uns außerordenliche Weine eingeschenkt, u.a. einen Winzersekt zur Begrüßung, tempertierten Rotwein zur Ente und einen herben Cidre, der nach Ziegenstall gerochen hat, aber gut zum Käse gepasst hat.

Bei den Süßigkeiten zum Espresso bin ich dann wegen der Heumilch-Schokolade und Weißen Schokoküssen mit Limette ausgeflippt. Auch gut: Daniel Achilles’ Interpretation des Solero Eis.

Was Sterneküche noch ist: Kommunikativ, gerade wenn man sich als Gast einem Menü hingibt und nicht das kleinste Risiko eingeht und à la carte bestellt. Es gibt so viele Paare, die zusammen essen gehen, um sich dann den ganzen Abend anzuschweigen und den Salzstreuer nach links und rechts zu schieben.

In Restaurants wie dem Reinstoff spricht man über das Essen, analysiert die Aromen, schmeckt die Zutaten heraus und tauscht sich aus, um dann gemeinsam oder jeder für sich ein eigenes Urteil zu fällen. Selten habe ich so viel Spaß bei einem Mittagessen gehabt und würde dieses Date zu gerne mit meiner Mutter oder guten Freunden wiederholen. Ich hätte nur einen kleinen Verbesserungsvorschlag: Weg mit den grünen Vorhängen! Danke, Reinstoff.

PS. Floris Freund und Kollege S. sagt, dass Dinner wäre noch viel toller.