Kolumne: Unser Leben ist eine Baustelle – 2

Kolumne: Unser Leben ist eine Baustelle – 2

Der Faktor Zeit, so habe ich gelernt, ist auf der Baustelle dehnbar. Selten funktioniert ein Vorhaben so, wie man es sich in seiner Ahnungslosigkeit als Hobbyhandwerker vorgestellt hat. Bislang hat sich jeder von mir verfasste Zeitplan als lachhaft erwiesen. Die Wände zu streichen sollte meiner Berechnung nach nicht länger als ein zwei Tage dauern – bei frischem Putz und drei Meter Deckenhöhe ein irrwitziges Vorhaben. Das Malervlies in den Wänden hat uns die Farbe quasi vor der Nase weggesoffen.

Für das Abschleifen der Dielen hatten wir uns ein langes Wochenende vorgenommen, inklusive Schleifmaschine ausleihen und zurückbringen. Mein Mann stellte sich das Abschleifen wie Rasenmähen vor, weil so eine Schleifmaschine ähnlich aussieht. Die Dielen müssen dann nur noch geölt werden und Zack! Fertig ist die Laube – dachten wir.

Fünf Wochenenden später ist mein Mann mit dem Typen vom Schleifmaschinen-Verleih per du und im Besitz seiner privaten Handnummer „für Fragen oder Notfälle„. Er schaut ihn jedes Mal mit einer Mischung aus Bewunderung und Mitleid an, wenn mein Mann Samstagmorgen als erster Kunde an der Tür kratzt und „seine“ Maschine wieder haben will. Der Verleiher steckt ihm zum Abschied ein paar Blätter Schleifpapier gratis zu, denn für unsere Fußböden wurde eine Lkw-Ladung Farbe verbraucht. Es handelt sich dabei um einen rotbraunen Guss namens Ochsenblut, der Schicht für Schicht abgetragen werden muss.

Besonders fies sind die Ecken, in denen die Schleifmaschine nicht hinkommt und mein Mann mit dem Kantenschleifer ran muss. Wahrscheinlich braucht er nach dieser Arbeit eine Knietransplantation. Ich spare schon das Geld dafür. Die Hauptsache ist, wir werden irgendwie, irgendwo, irgendwann fertig. Das ist inzwischen unser Motto für die Haussanierung geworden. Immerhin muss ich die mit Würstchensenf und Kartoffelsalat beschmierten Teller nicht mehr in der Badewanne abwaschen. Mehr zum Küchenbau beim nächsten Mal!

Dieser Text ist in der Zeitschrift „Wohnen“ erschienen. 

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