Kolumne: Unser Leben ist eine Baustelle – 13

Kolumne: Unser Leben ist eine Baustelle – 13

Einen Tag nachdem die Handwerker unseren neu gepflasterten Hof verlassen hatten, kündigte sich ein Kamerateam aus Köln an, um eine Folge für eine neue TV-Sendung zu drehen, in der die schönsten Häuser Deutschlands vorgestellt werden.

Ich hatte den Dreharbeiten im letzten Frühjahr größenwahnsinnig zugestimmt, weil ich uns Chancen auf den ersten Platz und ein fünfstelliges Preisgeld ausgerechnet hatte. Die Knete hätten wir in die Renovierung der Fassade investiert, dem letzten großen Schandfleck auf unserer Baustelle. Wir hatten bislang nur Budget für die Rückseite, die repräsentativ zur Seepromenade hin hellgrau leuchtet. Die Vorderseite ziert nach wie vor der für die damalige DDR-typische Kratzputz. Er besteht aus Sand, Kalk, Zement und Splitt.

Der grobe Look erinnert Nostalgiker an Knäckebrot. Ich mag kein Knäckebrot und erst recht keinen Knäckebrotputz. Um die dreiköpfige Expertinnenjury bei den Dreharbeiten davon abzulenken, mussten wir deshalb noch schnell 60 qm Rollrasen in unserem neuen Hof verlegen, was mich in der Geschichte unserer Renovierung das erste Mal die Grenze meiner körperlichen Kräfte brachte.

Sechs Altbau-Zimmer inklusive drei Meter hohen Decken zu streichen ist ein Klacks im Vergleich zu dem Job mit einer handelsüblichen Harke das mit Geröll und Wurzeln gespickte Erdreich glattzuziehen. Diese Arbeit war so anstrengend, dass ich während der Kaffeepause mit einem Stück Butterstreusel in der Hand am Tisch einschlief. Am nächsten Morgen klingelte das Kamerateam und schritt dank des Durchhaltevermögens meines Mannes und seines zur Hilfe herbeigerufenen Vaters (ich schlief immer noch) über einen Rasen wie in Royal Birkdale, dem besten Golfclub Großbritanniens.

Als die TV-Show ein paar Monate später ausgestrahlt wurde klar, dass die Männer sich den Einsatz hätten sparen können. Wir verloren gegen ein elfenbeinfarbenes Gutshaus im neugotischen Stil, inklusive eines 1,7 Hektar großen Landschaftsparks und Badeteichs. Ich schaltete den Fernseher aus und verabschiedete mich nicht nur von der Aussicht auf das Preisgeld, sondern von dem Anspruch, dass unser Haus perfekt sein muss. Denn was ich am Leben auf der Baustelle am meisten liebe ist das Gefühl, dass uns noch jede Menge aufregende Zeiten bevorstehen.

Dieser Text ist in der Zeitschrift „Wohnen“ erschienen.

Folgen:

Schreibe einen Kommentar