Kolumne: Unser Leben ist eine Baustelle – 7

Kolumne: Unser Leben ist eine Baustelle – 7

Irgendwann hat der Baustopp nicht nur mich, sondern auch meinen Mann fertig gemacht. Dieses Nichtstun, während auf Instagram und Netflix immer mehr Leute ihre erfolgreichen Renovierungsprojekte vorstellen, stimmte ihn unzufrieden. Etwas zu „schaffen“ zählt zu den Grundbedürfnissen eines jeden Bauherren. Sonst würde man wohl ewig zwischen losen Bits und verkrusteten Acryl-Spritzen sitzen bleiben. Also begannen wir an den Wochenenden wieder mit kleinen Renovierungs-Projekten, die jedoch großen Effekt zeigten.

Zum Beispiel das Licht im Keller und im Garten. Im Sommer fällt es nicht auf, wenn die Lichtschalter nicht funktioniert bzw. gar nicht existiert, aber im Winter, wenn es an manchen Tagen um halb vier duster wird und man statt auf den Sonnenuntergang über dem See in einen schwarzen Schlund starrt – das kann depressiv machen. Schließlich fehlt auf dem Land das Leuchten der Stadt und zwar komplett. Nun haben wir im Garten eine App-gesteuerte Lichtanlange, bei der wir je nach Stimmung unsere kahlen Büsche und die verfallene Hinterhoftreppe in Szene setzen können. Meine Favoriten sind „Sonnenuntergang Savanne“ und „Tropendämmerung“.

Irgendwo im Keller haben wir noch Liegestühle stehen. Vielleicht sieht’s damit wirklich ein bisschen aus wie in den Tropen. In die untere Etage habe ich mich ebenfalls aus Mangel an Licht nur selten getraut. Da unten hausen achtbeinige Kreaturen, die meiner Meinung noch aus der Karbon-Zeit stammen. „Das ist doch nur eine Winkelspinne…“, raunte mein Schwiegervater amüsiert, als ich aufgelöst vor ihm stand. „…die tut doch nix.“ Es geht ja nicht darum, dass sie nix tut. Es geht darum, dass sie da ist.

Mein Mann ist auch wieder da. Und zwar in Höchstform. Kaum hatte er seine Arbeitshose an, rief er seinen alten Kumpel vom Verleih an, um sein Lieblingsspielzeug auszuleihen: den Rand-und-Kanten-Schleifer. Die alte Dachkammer soll nun unser zweites Bad werden, mit geöltem Holzboden, Walk-in-Dusche und Lokus mit Seeblick. Die Wasserleitungen für das Klo gibt es natürlich noch nicht. Der erste Kostenvoranschlag für die Heizung und Sanitäranlangen hat bei uns beiden fast ein Kammerflimmern ausgelöst. Wir bewegen uns im fünfstelligen Bereich, aber der Handwerker hat noch nicht mal mit der Wimper gezuckt. „Gas-Wasser-Scheiße“ nennt man die Branche scherzhaft, in der er tätig ist. Aus Verzweiflung über diese Summe hat mein Mann zwei Dachflächenfenster bestellt und plant sie selber einzubauen. Das er dafür den kompletten Putz und zwei Dachbalken entfernen muss, war ihm nicht klar. Kurz bevor er mit der Axt aufs Dach steigen wollte, verdunkelte sich der Himmel. Das Sturmtief Eberhard zwang ihn zum Abbruch. Vorerst.

Dieser Text ist in der Zeitschrift „Wohnen“ erschienen.

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